Logistik / Trends und Technologien
Vom IT-Service zum Möglichmacher: Wie bremenports die Häfen digitalisiert
05. Oktober 2026 / Annekathrin Gut
Ob die Digitalisierung im Hafen gelingt, hängt oft weniger von der Technik ab als von der Fähigkeit, vielfältige Akteure zu koordinieren und Mitarbeitende mitzunehmen. Bei bremenports hat die IT die Rolle als Möglichmacherin für den Smart Port übernommen.
Für Daniel Becker, der seit 2017 die Abteilung IT bei bremenports GmbH & Co. KG leitet, steht außer Frage: „Smart Port bedeutet, dass wir den Hafen digitalisieren, automatisieren und mithilfe von Digitalisierungs-Assets nachhaltig gestalten wollen. Und das können wir nicht allein.“ Er sieht die Rolle von bremenports darin, die unterschiedlichen Stakeholder im Hafen zusammenzubringen und Erwartungshaltungen sowie Bedürfnisse abzugleichen. „Gemeinsam einen intelligenten Hafen bauen“, nennt Becker das.
Die neutrale Instanz im Hafen
Bremenports erhielt im Jahr 2021 vom Land Bremen den Auftrag, die bremischen Häfen zu einem Smart Port weiterzuentwickeln. Bereits zwei Jahre zuvor war die Hafenmanagementgesellschaft damit beauftragt worden, die Cybersicherheit im maritimen Umfeld voranzutreiben. „Wir haben als klassische IT begonnen und entwickeln uns zum Enabler für andere Wirtschaftszweige“, sagt IT-Leiter Becker. Sein Team, das organisatorisch beim Geschäftsbereich Hafenentwicklung und Innovation angesiedelt ist, wuchs von zehn auf inzwischen zwanzig Mitarbeitende.
Bremenports digitalisiert nicht die Logistik der Häfen und schreibt den Akteuren auch nicht vor, was sie zu tun haben. Die Hafenmanagementgesellschaft versteht sich stattdessen als neutrale Einheit. Ihr geht es um den Austausch auf Augenhöhe: Wo stehen wir? Welche Infrastruktur wird noch benötigt? Wie weit ist Datenaustausch möglich? Außerdem sei es wichtig, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, so Becker. „Nichts ist schlimmer, als wenn die Akteure unterschiedliche Digitalisierungsniveaus aufbauen“ – während einer investieren will, stehen die anderen ganz woanders.
In dieser Rolle ist das größte Kapital Vertrauen, besonders dort, wo Wettbewerber ihre Daten in einen gemeinsamen Pool geben sollen. „Man muss einen Vertrauensvorschuss geben, sonst funktioniert das nicht“, weiß Daniel Becker. Komplett transparent, mit offenen Karten, integer gegenüber allen. Immer verbunden mit der Frage, die für jeden Akteur zählt: Was ist am Ende dein Mehrwert?
Vom Reden zum Machen: PRINOS und DigiWeser
Dass es nicht bei Gesprächen bleibt, zeigen zwei Projekte. Mit dem Port Railway Information and Operation System (PRINOS) betreibt bremenports das System für rund 400 Züge, die pro Woche in die 219 Kilometer lange Hafeneisenbahnstrecke einlaufen und stellt es der DBInfraGO zur Verfügung. Das Projekt wurde bereits 2018 begonnen, noch vor der Smart-Port-Initiative. PRINOS managt alles rund um die Eisenbahn: von der Planung des Slots bis zur Ad-hoc-Disposition eines Zustellgleises. „Das ist ja nicht wie auf einer Straße, wo ich einfach reinfahren und wieder rausfahren kann“, erklärt Becker.
Der nächste große Schritt ist die DigiWeser, eine Datenplattform für die Verkehrskoordination auf der Weser. Sie bringt Reeder, Terminalbetreiber, Lotsen und Behörden auf einen gemeinsamen Datenstandard. Becker bezeichnet das Projekt als eine klassische Digitalisierung: „Erst den Prozess anschauen und gezielt nach den Pain Points suchen, bevor man da irgendwelche Technik versenkt.“
Für Logistiker liegt der Mehrwert in einem verlässlichen Vorlauf. Wer schon eine Woche im Voraus weiß, wann ein Schiff anlegt, kann seine Kette anders planen: „Je früher ich eine verlässliche Planung habe, desto besser ist mein eigener Prozess.“ Die Teilnahme bleibt freiwillig. Die Plattform lebt davon, dass jeder den Nutzen sieht.
„Die Technologie muss man ganz weit wegpacken“
Daniel Becker hält die Beteiligung derjenigen, die im Alltag mit den neuen Technologien arbeiten sollen, für den wesentlichen Erfolgsfaktor. Die Technik ist seiner Erfahrung nach selten das Problem: „Die Technologie funktioniert zu 90 bis 95 Prozent immer gut.“ Der eigentliche Engpass sind die Menschen, die in einer neuen Prozesskette arbeiten sollen. „Man muss die Technologie am Anfang ganz weit wegpacken und erst einmal versuchen, die Menschen mitzunehmen, am besten von der ersten Idee an.“
Der IT-Experte nennt als Beispiel eine mobile Instandhaltungslösung*, für die rund 50 Tablets im Einsatz sind. Wer ein solches Gerät nur hinwirft und „Mach mal“ sagt, wird scheitern. Gerade Anwender:innen mit wenig Digitalerfahrung brauchen über einen längeren Zeitraum eine erfahrene Person, die im Echtbetrieb mitläuft, statt eines Ticketsystems. Change Management sei laut Becker „zu 80 Prozent der Erfolgsfaktor“ und werde in zu vielen Projekten noch immer nur nachrangig behandelt.
Kein Smart Port ohne Cybersecurity
Häfen zählen zur kritischen Infrastruktur. Mit jedem weiteren vernetzten digitalen Asset nehmen die möglichen Angriffsvektoren zu. Seit rund vier Jahren gibt es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch motivierte Cyberangriffe, sagt Daniel Becker. Er fügt hinzu: „Unsere Cybersecurity ist regelrecht explodiert.“ Der Unterschied sei fundamental. Ein wirtschaftlicher Angreifer kalkuliert seine Rendite; ein politischer Angreifer hingegen verfügt über nahezu unbegrenztes Geld und Motivation. „Im wirtschaftlich motivierten Bereich bin ich der Einzelkämpfer-Athlet. Im politisch motivierten Bereich muss ich einen Triathlon kämpfen.“
Tägliche Updates, Schwachstellen-Scans, Penetrationstests und durchgängige Transparenz über jeden Datentransportweg: Security wird zur Daueraufgabe. Laut Becker ist der eigentliche Gegner die Zeit: „Je schneller ich einen Angriff erkenne und je früher die Schutzmaßnahmen greifen, desto besser bin ich.“ Hier zählen Minuten und Sekunden, nicht Tage. Bremenports lässt sich derzeit nach ISO 27001 zertifizieren.
Digitale Souveränität: Zeitpunkt für die Weichenstellung
IT-Leiter Daniel Becker bereiten die immer schnelleren Technologiesprünge Sorge, die unter anderem durch KI verursacht werden. Europa droht, abgehängt zu werden. Während anderswo leistungsfähige Werkzeuge zur Abwehr bereitstünden, seien sie hierzulande teils gar nicht mehr verfügbar. „Dann kämpft David gegen Goliath.“
Aus seiner Sicht relativiert sich der oft beschworene Vorsprung der Niederlande: „Wir reden weniger über das, was wir tun. Wir machen das einfach.“ Die niederländischen Häfen kämpften mit denselben Problemen, kommunizierten diese nur anders. Zudem verschaffe ihnen der zentralere Staatsaufbau Tempo. Norddeutschland punktet dagegen mit Hands-on-Mentalität und kurzen Wegen.
Was Becker fehlt, ist eine klare Ansage von Bund und Ländern: eine konsequente Entscheidung für digitale Souveränität und Open Source, wie sie Frankreich vorgemacht hat. Gerade jetzt, wo viel Geld fließt: Bremerhaven wird mit rund 1,35 Milliarden Euro vom Bund zum maritimen Logistik-Hub ausgebaut. Dabei spielen auch Digitalisierung, IoT und digitale Zwillinge eine Rolle. „Wir nehmen jetzt richtig viel Geld in die Hand. Wenn wir das verschlafen, wird es immer schwieriger. Es wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Weichen zu stellen.“
Wo stehen die bremischen Häfen 2030?
Wo werden die bremischen Häfen im Jahr 2030 stehen? Becker hofft auf eine aktivierte DigiWeser, weitgehend digital simulierte Kajen und noch bessere Vernetzung. Mit diesen Projekten werde die Smart-Port-Vision jedoch nicht abgearbeitet sein. Sie sei „ein ganz, ganz langer Weg, ein Ironman und kein kurzer Sprint“. Die Ausgangslage hält er für gut: Das Geld scheint vorhanden zu sein, und „letztlich folgen alle Digitalisierungsmaßnahmen dem Geld“.
Mit Blick auf die gesamte Logistikkette formuliert er ein weiteres Ziel: mehr Souveränität, mehr Resilienz. Denn in der Supply Chain hält das schwächste Glied die ganze Kette auf. Gerade dem klassischen Mittelstand müsse dabei unter die Arme gegriffen werden, da ihm oft das Know-how fehlt.
Am Ende kehrt Becker dorthin zurück, wo für ihn der Smart Port beginnt – bei der Gemeinschaft. Er sagt: „Je mehr man sich vernetzt, desto besser. Das ist das Wichtigste. Und man darf natürlich die Perspektive nicht verlieren.“ Der Rest komme dann automatisch.