Logistik / Projekte und Lösungen
Nach der Plattform kommt der Agent: Digitaltrends im Speditionsgeschäft
18. September 2026 / Annekathrin Gut
„Die Zeit der digitalen Plattformen, deren Geschäftsmodell das reine Vermitteln von Angebot und Nachfrage darstellt, ist vorbei“, glaubt Olaf Rathgeb. Der CTO von Fr. Meyer’s Sohn (FMS) hat selbst frühzeitig eine Plattform für das Supply-Chain-Management (SCM) für die Kunden des weltweit tätigen Speditionsunternehmen aufgebaut und damit Potenziale erschlossen. Wenn er heute sagt, dass die nächste Stufe der Digitalisierung nicht mehr Plattformen, sondern agentische Netzwerke sind, die auf autonome und intelligente Weise Daten- und Workflow Ökosysteme bilden, lohnt es sich, ihm zuzuhören.
Für den Technologieexperten ist dennoch nicht ausgemacht, dass dieser Trend auf breiter Basis erfolgreich wird. Denn die Logistik-IT zeige gegenläufige Trends: Auf der einen Seite stehen Legacy-Systeme und uneinheitliche Digitalisierungsstandards, auf der anderen Seite die Anforderungen von KI an saubere Datenstrukturen und Prozesse. Dass FMS selbst all das bewältigen kann, liegt auch an einer Entscheidung, die das Unternehmen vor über 15 Jahren traf.
Die Grundlage: eine Software, die mitwächst
FMS hat sein Kernsystem „Seastep“, mit dem die Mitarbeiter von FMS die Transporte im Auftrag der Kunden abwickeln, von Anfang an – mit Unterstützung der HEC – selbst entwickelt. „Das würde ich jederzeit wieder so machen“, sagt Olaf Rathgeb. „Wir haben ein sehr auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes System mit hoher Flexibilität und dadurch eine sehr gute Unterstützung unserer Anforderungen.“ Der Vergleich mit Wettbewerbern, die auf Standardsoftware setzen, fällt für ihn eindeutig aus: „Man kriegt zurückgespiegelt, dass es teilweise sehr schwer ist, eigene Anforderungen zeitnah umgesetzt zu bekommen. Das Problem haben wir nicht.“
Die frühe Entscheidung für Individualsoftware erleichtert aufgrund der hohen Flexibilität die technische Integration neuer Einheiten. Neben organischem Wachstum hat FMS in den vergangenen Jahren mehrere Zukäufe integriert. Betroffen sind dabei nicht nur operative Prozesse, sondern mitunter auch komplette Geschäftsmodelle, Logistikprodukte oder kundenspezifische Individuallösungen der zugekauften Unternehmen, die nicht einfach aufgegeben werden können.
Die über Jahre gepflegte IT-Substanz von FMS ist mittlerweile selbst zu einem Pluspunkt bei Akquisitionsgesprächen geworden: „Weil wir über Jahre in die IT investiert haben, ist sie heute wirklich auf einem Stand, wo sie als großes Asset wahrgenommen wird“, so Rathgeb. Für kleinere Firmen ohne eigene umfassende IT-Ressourcen sei dies „eine gute Gelegenheit, ihre operative Exzellenz auf eine gute IT-Basis zu stellen“.
Transparenz als Strategie für Resilienz – und fürs Geschäft
Ein weiteres gutes Argument ist die firmeneigene SCM-Plattform „Cruise Control“, die auf den Daten des zentralen Speditionssystems Seastep aufbaut. Wenn Störungen und Krisen die Lieferketten immer häufiger unter Druck setzen, müssen Speditionen schnell umplanen können. Dafür ist Transparenz entscheidend: Wo sind meine Waren? In welchem Abfertigungsstand befinden sie sich, und welche Möglichkeiten des Eingriffs habe ich? Diese Fragen werden Kund:innen durch Cruise Control beantwortet.
Erst auf Basis dieser Transparenz lassen sich Kunden proaktiv informieren oder Alternativtransporte organisieren. Die dafür nötige digitale Unterstützung liefert die Plattform. FMS hat Cruise Control inzwischen auch für Transporte geöffnet, die gar nicht über FMS selbst laufen. Der Grund dafür ist, dass sich oft mehrere Teilnehmer mit unterschiedlichen Systemen an einem Auftrag beteiligen: „Solche Lösungen fallen immer auf den größten gemeinsamen Nenner zurück. Und das sind ansonsten oftmals E-Mail und Excel“, sagt Olaf Rathgeb.
FMS hat sich deshalb dafür entschieden, einen Mehrwert zu liefern, der über die eigene Transportbeauftragung hinausgeht, und das datenschutzkonform abgesichert. Die Resonanz gibt der Strategie recht: „Das nutzen zunehmend Kunden, weil sie sagen: Das ist ja toll, dann haben wir eine einfache Digitalisierungsmöglichkeit.“ Ein doppelter Gewinn für FMS, wie Rathgeb einräumt: „Oft kommen wir über Transportdienstleistungen ins Gespräch über Digitalisierung – und manchmal ist es genau umgekehrt.“
Globales Speditionsunternehmen denkt digital
Olaf Rathgeb ist CTO von Fr. Meyer's Sohn (FMS), einem global tätigen Speditionsunternehmen in Familienbesitz, das mit mehr als 1.400 Mitarbeitenden an 65 Standorten vertreten ist. Er verantwortet nicht nur die IT, sondern die gesamte Prozesslandschaft des Unternehmens – von Stammdaten bis Systementwicklung. FMS mit Hauptsitz in Hamburg ist auf internationale Massengüter (Forst- und Agrarprodukte, Stahl) spezialisiert und bietet Lösungen für Seefracht, Luftfracht und LKW-Verladungen sowie Bahn und Binnenschiff.
Automatisierung als Aufgabe: KI im Tagesgeschäft
Die nächste Stufe der Digitalisierung ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Vor rund zweieinhalb Jahren startete FMS mit einem virtuellen KI-Mitarbeiter namens Hugo, benannt nach dem zweiten Vornamen des Unternehmensgründers, der den Mitarbeitern von FMS mit Rat und Tat zur Seite steht. Anfangs war Hugo nicht mehr als ein Wissensmanagement-System, das Fragen zu Logistikprozessen und internen Standards beantwortete. Inzwischen übernimmt er auch Aufgaben: „Stück für Stück erweitern wir die Möglichkeiten von Hugo um Tools, die Arbeitsschritte übernehmen und Zugriff auf einzelne Anwendungen haben – immer im Kontext des anfragenden Users.“
Dahinter steht ein eigenes Projekt namens PAI (Process Automation based on AI). „Das ist ein Layer, der über den Anwendungen liegt, unter anderem Seastep, aber auch Outlook und diverse andere Systeme“, erklärt Rathgeb. Die Kernaufgabe besteht darin, unstrukturierte Daten – E-Mails, Dokumente, Webseiteninhalte – automatisiert in strukturierte Daten zu überführen. So lassen sich viele Arbeitsschritte automatisieren: Beispielsweise können Buchungen und Aufträge angelegt, Dokumente in der elektronischen Akte abgelegt und Informationen aus von Kunden und Partnern bereitgestellten Dokumenten ausgelesen werden, um manuelles Tippen zu vermeiden. Alle gewonnenen und verarbeiteten Daten verbleiben in der FMS-eigenen, abgesicherten Umgebung, um ungewollte Datenabflüsse zu vermeiden.
Human in the Loop: Der Mensch bleibt unersetzlich
Zur Einführung setzte FMS bewusst auf interne Kommunikation: Ein kleines Produktmanagement-Team („Hugo-Management“) stellte Anwendungsmöglichkeiten vor. Hinzu kam eine Serie von Webcasts für die gesamte Belegschaft, in denen Olaf Rathgeb persönlich erklärte, welche Klassen von KI es gibt, wofür FMS sie einsetzen will und was das für die einzelnen Mitarbeitenden bedeutet. Der CTO nimmt Sorgen über Jobveränderungen ernst, ordnet sie aber differenzierter ein: „Wenn man es genau nimmt, nimmt KI nicht Jobs weg, sondern Aufgaben – die repetitiven, einfachen administrativen Aufgaben.“ Die Anforderungen würden sich verändern, dem müssten sich die Mitarbeitenden stellen.
Zwei Leitplanken zieht FMS bewusst ein. Erstens läuft jeder automatisierte Prozess mit dem „Human in the Loop“. Das heißt: Informationen gehen nie direkt an Kunden, sondern immer über den Tisch einer sachbearbeitenden Person, die final entscheidet. Zweitens: „Wir setzen keine KI an der Schnittstelle zum Kunden ein, sondern fokussieren uns dabei auf die administrativen Prozesse im Hintergrund, um die Qualität und Flexibilität im Kundenservice zu erhalten.“
Ein ständiger Wettlauf: Cybersecurity
Je mehr Prozesse digital und KI-gestützt ablaufen, desto größer wird die Angriffsfläche. „Das Thema Cyberresilienz hat seit ungefähr 2018 extrem an Bedeutung gewonnen“, sagt Olaf Rathgeb. Dass KI-Modelle inzwischen sehr gut darin sind, Schwachstellen in Software aufzuspüren, sieht er als Beschleuniger einer schon länger andauernden Entwicklung: „Ich muss heute kein superspezialisierter Hacker mehr sein, um sehr komplexe Angriffsvektoren gegen eine Firma zu führen.“
Und dieser Trend könne sich noch deutlich verstärken: „Wir stehen an der Schwelle zur kommerziellen Nutzung von Quantencomputing. Die Rechenpower, die das mit sich bringt, um Verschlüsselungsalgorithmen zu knacken, darauf muss man sich einstellen.“ Für Rathgeb bleibt Cybersicherheit deshalb ein dauerhafter Wettlauf.
Das Ende der Plattformen und was danach kommt
Doch nicht nur Security sorgt für einen Wettlauf, sondern auch die neuen Möglichkeiten der KI. Laut Rathgeb ist die Zeit, in der digitale Plattformen als Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage auftreten und deren Geschäftsmodell rein darauf basiert, ein Auslaufmodell. An ihre Stelle tritt aus seiner Sicht die nächste Entwicklungsstufe: agentische Netzwerke aus autonomen Software-Agenten, die eigenständig Aufgaben ausführen, Verträge verhandeln oder den Einkauf organisieren. „Ich glaube, das ist fast nicht aufzuhalten.“
Die Voraussetzung dafür sei dieselbe wie bei Plattformen und jeder anderen KI-Anwendung: eine solide Datenbasis. „Sauber strukturierte, redundanzfreie und widerspruchsfreie Daten und dass man seine Prozesse im Griff hat. Das ist die Basis“, sagt der CTO und warnt vor übertriebener Euphorie. Nur weil ein Start-up eine moderne Lösung entwickeln kann, bedeute das nicht, dass sich diese auch in einer ganzen Industrie mit ihren gewachsenen Alt-Anwendungen skalieren lässt: „Die Herausforderung wird sein, diese Chancen systematisch und sicher zu nutzen, selbst wenn man diese Legacy-Themen hat.“
Um die Chancen der Digitalisierung bestmöglich zu nutzen, müssten viele Logistikunternehmen erst noch ihre Hausaufgaben machen. Denn, so Olaf Rathgeb, auch wenn sich die Trends ändern – heute Plattformen, morgen agentische Netzwerke – der Anspruch an saubere Prozesse und Daten bleibt derselbe.