Aufbau eines Hochschulprojektes für Kommunikation durch Töne, Bunte Klangelemente

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Wenn Spielen zur Sprache wird

24. August 2026

 

Wie kommunizieren Kinder, die miteinander spielen, ohne dieselbe Sprache zu sprechen? Diese Frage begleitet Seongjoo Moon seit seiner Ankunft in Deutschland. Der Student der Digitalen Medien an der Hochschule für Künste Bremen stammt aus Südkorea und kam vor knapp vier Jahren nach Deutschland. Schon vor seinem Umzug lernte er Deutsch, heute spricht er die Sprache nahezu fließend. Eine Beobachtung auf Spielplätzen wurde schließlich zum Ausgangspunkt seines Projekts „Mycelia“, einer interaktiven Klangumgebung für kollaboratives und kindgeleitetes Spielen.

Spielen als universelle Form der Kommunikation

Kurz nach seiner Ankunft beobachtete Seongjoo auf öffentlichen Spielplätzen in Essen Kinder unterschiedlichster kultureller Hintergründe. Viele von ihnen konnten sich sprachlich kaum verständigen und fanden dennoch mühelos zueinander. Das gemeinsame Spiel wurde zur nonverbalen Kommunikationsebene.

Gleichzeitig fiel ihm aber etwas anderes auf: Die meisten Spielgeräte sind auf individuelle Nutzung ausgelegt. Obwohl Kinder oft nebeneinander spielen, fördern die vorhandenen Strukturen selten echtes Zusammenspiel oder Vernetzung. Aus diesem Spannungsfeld entstand eine zentrale Frage: Wie lassen sich einzelne Spielhandlungen so miteinander verbinden, dass daraus ein gemeinsames Erlebnis entsteht?

So begann Seongjoo sich mit Klang zu beschäftigen. Anders als Sprache kennt er keine kulturellen oder sprachlichen Grenzen, sie können verbinden, aufeinander reagieren und Beziehungen sichtbar machen. Aus dieser Überlegung entwickelte sich eine mehrjährige Forschungsarbeit.

Von experimentellen Spielzeugen zu lebendigen Netzwerken

„Mycelia“ ist nicht Seongjoos erstes Projekt in diesem Themenfeld. In früheren Arbeiten experimentierte er mit modifizierten Spielzeugen, Sensoren und elektronischen Sequencern. Er entwickelte eigene Interfaces, mit denen physische Handlungen unmittelbar zu musikalischen Ereignissen wurden.

Mit „Mycelia“ verschiebt sich der Fokus nun vom einzelnen Objekt hin zu einem vernetzten System. Statt isolierter Interaktion steht das Zusammenspiel vieler Akteure im Mittelpunkt.

Der Name ist dabei bewusst gewählt. Inspiriert wurde das Projekt von den unterirdischen Mykorrhiza-Netzwerken in Pilzsystemen. Diese natürlichen Geflechte verbinden Pflanzen miteinander und ermöglichen den Austausch von Informationen und Ressourcen. Seongjoo überträgt dieses biologische Kommunikationsprinzip auf eine spielerische Klanglandschaft.

Die Kinder bauen dabei nicht einfach mit Bausteinen. Sie erschaffen ein Netzwerk, in dem jede Verbindung Auswirkungen auf das gesamte System hat.

Eine Klanglandschaft, die man gemeinsam wachsen lässt

Das Herzstück von „Mycelia“ sind kleine sechseckige Module, die speziell für Kinderhände entwickelt wurden. Durch Stapeln, Anordnen und Berühren entsteht nach und nach eine interaktive Klangumgebung.

Dabei folgt das System einer intuitiv nachvollziehbaren Logik:

  • Die Höhe eines Turms bestimmt die Tonhöhe.
  • Die Farbe eines Moduls definiert die Klangfarbe oder das Instrument.
  • Berührungen lösen digitale „Impulse“ aus, die sich durch das Netzwerk ausbreiten.
  • Die räumliche Anordnung beeinflusst die musikalische Struktur.

So entstehen aus einfachen Handlungen komplexe Klanglandschaften. Lange Reihen von Modulen erzeugen melodische Linien, während verzweigte Cluster polyphone Klanglandschaften hervorbringen. Besonders spannend ist dabei, dass die Musik erst aus dem Zusammenspiel aller Beteiligten entsteht. Das System reagiert auf Beziehungen, Verbindungen und Kooperation.

Die "Mycelia"-Technologie spielt im Hintergrund mi

Hinter der spielerischen Oberfläche arbeitet eine durchdachte technische Infrastruktur. Jedes Modul enthält einen ESP32-Mikrocontroller, Berührungssensoren und LEDs, die visuelles Feedback geben. Magnetische Steckverbindungen sorgen dafür, dass die Module Energie austauschen und ihre Position innerhalb des Netzwerks erkennen können.

Der Mikrocontroller „Teensy“ verarbeitet die Informationen aller Module, rekonstruiert die aktuelle Struktur des Systems und erzeugt die entsprechenden Klänge. Die Technologie bleibt dabei weitgehend unsichtbar, sodass sie nicht vom klanglichen Gestalten und Erleben ablenkt.

Ein philosophischer Blick auf Vernetzung

Besonders interessant an „Mycelia“ ist die zugrunde liegende Sichtweise auf Technologie: Das Projekt versteht digitale Systeme als lebendige Netzwerke von Beziehungen. Kinder erfahren dieses Prinzip unmittelbar. Jede Veränderung an einem Modul beeinflusst das Gesamtsystem. Jede Handlung ist Teil eines größeren Zusammenhangs und Baustein einer kollektiven Kreativität.

Portraitfoto

Ausblick: Eine Plattform für zukünftige Experimente

Durch einen unvorhergesehen Wechsel des Microprozessors von Raspberry Pie auf  Teensy lässt sich die Erweiterung des “Mycelia”-Systems in dieser Form zwar schwerer umsetzen, aber Seongjoo plant bereits sein Masterprojekt auf Basis desselben Konzepts. Es soll ein Instrument werden, mit dem Kinder noch experimenteller musizieren können 

Seine Vision ist, dass neue Modultypen beispielsweise die Stimmen und Geräusche der Kinder aufnehmen und wieder in das Netzwerk einspeisen sollen. Andere Module könnten bewusst unvorhersehbar reagieren und dadurch experimentelles Spielen fördern. Darüber hinaus denkt er über zusätzliche Controller nach, mit denen sich Feuchtigkeit oder Temperatur in die entstehende Klangwelt übersetzen lassen. Er kann sich auch vorstellen, dass „Mycelia“ zu einer offenen Plattform wird, auf der kollaboratives, multisensorisches Spielen, Lernen und künstlerische Performance zusammenfinden.

Mit seinem Projekt zeigt Seongjoo Moon eindrucksvoll, wie digitale Technologie nicht nur Prozesse automatisieren, sondern neue Formen menschlicher Begegnung ermöglichen kann. Aus einer Beobachtung auf einem Spielplatz ist so ein Projekt entstanden, das Spiel, Klang und Kommunikation neu denkt.