Logistik / Methoden und Wissen
Digitalisierung in der Logistik – die Technik ist nicht mehr das Problem, die Haltung schon
12. Oktober 2026 / Gastautor:in
Wer heute mit IT-Verantwortlichen mittelständischer Speditionen spricht, hört selten noch Zweifel an der Notwendigkeit der Digitalisierung. In Interviews, die wir kürzlich mit Studierenden bei genau dieser Zielgruppe geführt haben, herrscht große Einigkeit. Digitalisierung ist strategisch relevant, betrifft das gesamte Unternehmen und wird praxisnah für Prozessoptimierung, bessere Entscheidungen und neue Geschäftsmodelle genutzt. Auch aktuelle Branchenstudien bestätigen das Bild. Fast alle Logistikunternehmen digitalisieren bereits ihre Prozesse, rund zwei Drittel setzen auf Cloud- und IoT-Lösungen.
Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Eine modulare IT-Landschaft schafft Flexibilität, treibt aber zugleich die Komplexität bei Integration und Datenmanagement in die Höhe. Besonders deutlich wird das dort, wo Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten verlieren, denn ein erheblicher Teil der Aufträge von Speditionen wird von zumeist klein- und mittelständigen Subunternehmen gefahren, deren Daten kaum verfügbar sind. Digitalisierung endet damit faktisch an der eigenen Unternehmensgrenze.
Bemerkenswert ist, was die befragten IT-Verantwortlichen selbst als eigentliche Hürde benennen. Nicht die Technologie sei das Problem, sondern Datenqualität, Datenverfügbarkeit und die kulturelle Bereitschaft, Daten zu teilen. Unterschiedliche Mindsets zwischen Abteilungen und Unternehmen entlang der Lieferkette verhindern tragfähige Schnittstellen. Hinzu kommt eine diffuse Angst, sich auf Algorithmen zu verlassen – verständlich in einer Branche, die lange auf Erfahrungswissen gebaut hat. Auch die nüchterne Erfahrungsquote aus den Interviews, wonach IT-Projekte nur etwa zur Hälfte gelingen, sollte niemanden entmutigen. Sie zeigt, dass Digitalisierung ein Lernprozess ist und kein einmaliges Projekt mit Erfolgsgarantie.
Genau hier liegt die Chance. Wer verlässliche Daten als Fundament begreift, schafft die Grundlage für Automatisierung und künstliche Intelligenz. Und KI wird Mitarbeitende nicht ersetzen, sondern befähigen, neue, anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen. Das deckt sich mit Studien, wonach Unternehmen mit hohem digitalem Reifegrad überdurchschnittlich häufig KI einsetzen und schneller wachsen. Zukunftsfähig wird Digitalisierung aber erst durch klare Prozesse, befähigte Mitarbeitende, skalierbare Strukturen und konsequente Steuerung. Technik allein genügt nicht.
Mein Fazit fällt eindeutig aus. Die größten Digitalisierungsbarrieren in der Logistik sind heute kulturell, nicht technisch. Offenheit für Veränderung ist der entscheidende Erfolgsfaktor. Wer diese Offenheit vorlebt, in Datenqualität investiert und die Belegschaft mitnimmt, sichert sich einen handfesten Wettbewerbsvorteil. Das Potenzial ist enorm, viele Prozesse warten noch auf ihre Digitalisierung, und künstliche Intelligenz wird die Branche spürbar verändern. Die Logistik von morgen gehört den Unternehmen, die den Wandel nicht nur technisch, sondern vor allem menschlich gestalten.
Unser Gastautor
Prof. Dr. Frank Giesa ist Professor an der Hochschule Bremen im Fachbereich BWL mit Schwerpunkt Logistik und Controlling. Gemeinsam mit seinen Studierenden führt er derzeit eine Studie zum Stand der Digitalisierung in der Kontrakt- und Transportlogistik durch, die von der HEC begleitet wird.