Trends und Technologien
Coding: Wie ein Geburtstagsgruß zum KI-Workshop wurde
26. Mai 2026 / Fingal Orlando Galashan
Vor drei Jahren meldete sich an meinem Geburtstag Björn, ein alter Kollege aus meiner ersten Zeit als Entwickler bei der HEC, mit einem kurzen Glückwunsch auf WhatsApp. Ein paar Monate später fing ich wieder bei der HEC an.
Geburtstage sind bei mir offenbar gefährlich.
Dieses Jahr meldeten sich ehemalige Kollegen von Financial Solutions, wo ich vor der HEC gearbeitet habe. Irgendwann habe ich die Gunst der Stunde genutzt und den Ex-Kollegen Ralf gefragt, wie die Lage bei ihnen so ist und ob die Entwickler:innen noch klassisch coden oder ob bei ihnen schon die KI eingezogen ist.
Die Antwort war ehrlich: ChatGPT und Copilot sind angekommen, aber noch nicht wirklich einheitlich und integriert. Old-School mit Ambitionen, sozusagen. Und dann – halb neugierig halb amüsiert – die Gegenfrage, ob das bei uns wirklich schon so weit sei. Vibe-Coding, also Softwareentwicklung per Prompt mit natürlicher Sprache, und der Berater, der schon mal den Prototypen baut.
Ja, irgendwie schon. Und genau darum sind wir ins Gespräch gekommen. Aus dem Gespräch ist ein Workshop geworden.
Session 1: Grundlagen, Demo und die ehrliche Frage: Welches Tool passt?
Den Einstieg haben wir bewusst nicht mit Tool-Demos begonnen, sondern mit einer Geschichte: Wie haben wir eigentlich immer entwickelt? Texteditoren, Syntax-Highlighting, IntelliSense, Linter. Jede Generation Werkzeuge hat denselben Widerstand erlebt. „Macht uns das faul? Verlieren wir die Kontrolle?" Heute schreibt niemand mehr Code ohne Syntax-Highlighting. Und niemand verzichtet auf Rename-Refactoring. Der Schritt zu KI-Agenten ist größer, aber kein anderer.
Danach haben wir uns angeschaut, wie diese Tools überhaupt funktionieren: kein Datenbank-Lookup, kein Verstehen im menschlichen Sinne, sondern statistische Mustervorhersage auf hohem Niveau. Das klingt ernüchternd, erklärt aber sowohl die Stärken als auch die bekannten Schwächen wie Halluzinationen oder unerwartete Abweichungen.
Den größten Teil des Vormittags haben wir mit der ehrlichen Bestandsaufnahme verbracht. Wo funktioniert KI-gestützte Entwicklung heute gut: Boilerplate, Tests, Dokumentation, Refactoring auf Anweisung. Und wo nicht: subtile Concurrency-Probleme, Sicherheitsfragen, Domain-Logik ohne klare Vorgaben. Und wir haben über etwas gesprochen, das oft verschwiegen wird: Die mentale Last steigt – ganz einfach weil Review-Arbeit anstrengender ist als Schreib-Arbeit.
Zum Abschluss haben wir drei konkrete Tool-Kandidaten verglichen: Claude Code, GitHub Copilot und Mistral Vibe. Die Demo lief live an echtem Code. Kein Spielzeug-Repo, kein konstruiertes Beispiel, sondern ein echtes Backlog-Ticket, live implementiert, reviewed und bewertet. Das Team hat am Ende gemeinsam entschieden, dass wir mit Claude Code in Session 2 weiterarbeiten.
Session 2: Konfiguration und erstes echtes Ticket
Session 1 beantwortete die Frage „Lohnt sich das?", Session 2 „Wie fangen wir an?". Und diesmal haben wir nicht an einem Demo-Projekt gearbeitet, sondern direkt in der eigenen Codebase.
Den ersten Teil haben wir damit verbracht, den Agenten auf das Projekt einzustellen. Die wichtigste Datei dabei ist die CLAUDE.md, eine Art Briefing, das der Agent bei jeder Session automatisch liest. Was baut ihr, welche Konventionen gelten, was darf er auf keinen Fall tun? Ohne diese Datei fängt er bei null an. Mit ihr kennt er das Team. Wir haben sie gemeinsam erstellt: Der Agent macht einen ersten Entwurf per /init, dann reviewen und korrigieren wir gemeinsam. Was hat er richtig interpretiert, was nicht?
Danach: Permissions. Was darf der Agent ohne Nachfragen: Tests laufen lassen, Dateien lesen. Und wo muss er stoppen: Pushes, Produktiv-Deployments, Secrets. Und wie werden wiederkehrende Workflows automatisiert: eigene Slash Commands für MR-Beschreibungen, Jira-Updates, die das Team sonst drei Mal pro Woche manuell tippt.
Den zweiten Teil haben wir live verbracht. Ein echtes Ticket aus dem Backlog, klein und abgegrenzt. Plan-Mode: Der Agent liest den relevanten Code und erklärt seinen Ansatz. Wir diskutieren, bevor auch nur eine Zeile entsteht. Dann Implementation. Dann Diff-Review: Was hat der Agent geändert, versteht das Team jeden Schritt, würde das so committed werden?
Das ist der Moment, auf den es ankommt. Das erste Mal, dass jemand aus dem Team selbst die Tastatur hat und merkt: Das funktioniert wirklich.
Session 3: Offene Fragen und Vertiefung
Session 3 steht noch aus. Unser Plan dafür ist kein festgelegtes Programm, sondern echte Probleme aus dem Alltag. Was hat nach Session 2 nicht so funktioniert wie erwartet? Wo dreht sich der Agent im Kreis? Was fehlt noch in der CLAUDE.md? Hier bekommen diese Fragen Raum.
Dieser Workshop ist kein Einzelfall
Was bei Ralf und seinem Team begonnen hat, ist kein Sonderfall. Viele Entwicklungsteams stehen gerade genau an diesem Punkt: KI-Tools sind präsent, die Skepsis ist berechtigt, und niemand weiß so recht, wo man anfangen soll.
Wir – das Entwicklungsteam „Ragnar“, in dem ich Softwareentwickler bin – bieten diesen Workshop deshalb auch für Teams in anderen Unternehmen an: drei Sessions, Hands-on, direkt in der eigenen Codebase. Nicht als Frontalvortrag, sondern als gemeinsames Ausprobieren mit echten Tickets und echten Entscheidungen.
Vielleicht können wir ja gemeinsam noch weitere Türen öffnen. Wenn ihr Interesse an Austausch oder an einem Workshop habt: Sprecht mich gerne an!
Unser Experte
Fingal Orlando Galashan
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Orlando beschäftigt sich getreu seinem Motto „KI verändert nicht nur was wir bauen, sondern auch wie wir bauen" seit mehreren Jahren intensiv mit dem Einsatz von KI in zwei Richtungen: einerseits als Werkzeug, das den Entwicklungsprozess selbst schneller und besser macht, andererseits als Bestandteil der Softwarelösungen, die für Kunden entstehen. Diese doppelte Perspektive bringt er in Architektur, Planung und Umsetzung ein und gibt sie in Schulungen und Beratung an Teams weiter. So entstehen gemeinsam mit Kunden Lösungen, die technisch fundiert und im Alltag praktikabel sind.