Kein CEO wacht morgens auf und denkt: „Unsere IT-Landschaft ist zu komplex." Was er oder sie bemerkt, ist: Ein neues Produkt lässt sich kaum ausrollen, weil die dafür benötigten Enterprise Resource Planning (ERP)-Systeme nicht aufeinander aufbauen. Ein Geschäftsvorgang dauert doppelt so lange wie geplant, weil Daten manuell zusammengeführt werden müssen. Oder: Ein Großkunde fragt nach Echtzeit-Tracking oder CO₂-Reporting und die Antwort lautet: „Das können wir noch nicht."

Das Problem nennt sich IT-Prozessfragmentierung und ist kein digitales Thema, sondern ein strategisches. Wenn Prozesse nicht optimal digital unterstützt sind, werden sie zum Geschäftsrisiko. Die Frage ist: Wie entsteht diese fragmentierte IT-Landschaft und wie lassen sich die damit verbundenen Risiken beheben?

Wie der IT-Flickenteppich entsteht und warum er so schwer zu erkennen ist

IT-Prozesslandschaften fragmentieren selten über Nacht. Sie wachsen – und zwar meistens auf eine Art, die im jeweiligen Moment vernünftig erscheint.

  1. Historisch gewachsene Systeme sind der häufigste Grund für fragmentierte IT-Prozesse. Zum Beispiel haben sich in einem Logistik-Unternehmen über Jahrzehnte unterschiedliche ERP-, Transportmanagement- und Warehousemanagement-Lösungen nebeneinander etabliert. Jede Lösung hat irgendwann eine konkrete Lücke geschlossen. Das Problem: Die Summe vieler Lückenschlüsse ergibt kein funktionierendes Ganzes.
  2. Legacy- bzw. Altsoftware wird über Jahre mitgeschleppt. Das ursprünglich einmal gute Produkt lässt sich nicht mehr weiterentwickeln und entspricht in vielen Punkten nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Stattdessen werden mit Sonderlösungen Probleme einzeln behoben. Ein Flickenteppich der Schatten-IT entsteht, den die IT-Abteilung nicht mehr überblicken kann.
  3. Übernahmen und Expansion beschleunigen die Fragmentierung. Wer wächst – durch Zukäufe oder neue Standorte –, übernimmt nicht nur Marktanteile, sondern auch Systemlandschaften. Jeder Standort hat seine Prozesslogik, jede übernommene Einheit ihr eigenes Setup. Das Ergebnis: ein Unternehmen, das nach außen wie ein Ganzes wirkt, aber technisch gesehen aus vielen Inseln besteht.
  4. Der strategische Aufschub ist die vierte und vielleicht unterschätzteste Ursache. IT-Integration ist teuer, komplex und bindet Ressourcen, die auch für das operative Geschäft gebraucht werden. Also wird das Thema vertagt – mit guten Gründen im Einzelfall, aber mit wachsenden Konsequenzen über die Zeit. Was als temporäre Lösung beginnt, wird zur dauerhaften Belastung.

Tückisch ist, dass jede einzelne dieser IT-Entscheidungen für sich genommen rational erscheint. Erst in der Summe zeigt sich das strukturelle Risiko.

Was IT-Prozessfragmentierung wirklich kostet

Die Kosten fragmentierter IT lassen sich selten sauber ausweisen. Sie verstecken sich in Bereichen, die auf den ersten Blick nichts mit IT zu tun haben:

Prozesskosten steigen still. Wenn Daten zwischen Systemen manuell übertragen werden, wenn Mitarbeitende Informationen aus drei verschiedenen Tools zusammensuchen, wenn Fehler entstehen und korrigiert werden müssen, dann sind das Arbeitskosten. Keine IT-Kosten. Und genau deshalb tauchen sie selten in der IT-Budgetplanung auf.

Kundenwünsche lassen sich nicht erfüllen. Echtzeit-Transparenz, End-to-End-Tracking, CO₂-Reporting: Das sind keine Zukunftswünsche von Kunden, sondern aktuelle Marktanforderungen. Unternehmen, deren Systeme nicht miteinander kommunizieren oder deren Daten nicht schlüssig integriert sind, können diese Anforderungen schlicht nicht erfüllen.

Skalierung wird zum Kraftakt. Ein neuer Standort, eine neue Kundengruppe, ein neues Geschäftsmodell: Jede Erweiterung reibt sich an den bestehenden Systembrüchen. Was bei kleinerem Volumen noch handhabbar war, wird bei wachsendem Geschäft zur echten Bremse. Nicht theoretisch, sondern konkret: mehr Aufwand, mehr Fehler, mehr Zeitverlust.

Wettbewerber ziehen vorbei. Digitale Skalierbarkeit ist heute ein Wettbewerbsfaktor. Unternehmen mit integrierten Systemlandschaften können schneller reagieren, günstiger skalieren und neue Technologien – KI, Automatisierung, Datenanalyse – auf einer belastbaren Basis einsetzen. Wer diesen Grundstein nicht gelegt hat, kämpft nicht nur mit Ineffizienz. Er kämpft mit einem wachsenden strukturellen Nachteil.

Warum das Thema "Digitale Prozessoptimierung" auf den Tisch der Geschäftsführung gehört

Die Fragmentierung von IT-Prozessen ist ein Organisationsrisiko, das sich als IT-Problem verkleidet. Die Entscheidungen, die dazu führen – oder die es lösen könnten –, werden nicht in der IT-Abteilung getroffen, sondern in Strategiemeetings, Budgetgesprächen oder bei Übernahmeentscheidungen.

Das bedeutet: Wer als CEO oder Geschäftsführer:in erkennt, dass Wachstum schwieriger wird, Kundenprojekte länger dauern als geplant oder neue Technologien nicht richtig greifen, sollte nicht zuerst an den Vertrieb, das Produktmanagement oder den Kundenservice denken. Sondern an die Frage, ob die IT-Landschaft das Fundament bietet, das das Unternehmen für die nächste Wachstumsphase braucht.

Die gute Nachricht: Wer diese Frage früh stellt, hat noch die Wahl. Wer wartet, bis die Fragmentierung in Kundenbeschwerden, Marktverlusten oder gescheiterten Digitalprojekten sichtbar wird, trifft Entscheidungen unter Druck.

Transparenz schaffen: Was jetzt zu tun ist

Der erste Schritt ist kein IT-Projekt, sondern eine strategische Bestandsaufnahme: Welche Systeme tragen welche Prozesse? Wo entstehen Brüche? Wo ist die IT bereits heute ein Wachstumshemmnis? Und wo droht sie es zu werden?

Diese Transparenz schafft die Grundlage für Entscheidungen: Was muss kurzfristig adressiert werden, um kritische Prozesse zu stabilisieren? Was kann mittelfristig integriert werden, um Effizienzgewinne zu realisieren? Und welche Architekturentscheidungen sind langfristig notwendig, um Skalierbarkeit und Innovationsfähigkeit zu sichern?

Unternehmen, die diesen Weg gegangen sind, berichten von Einsparungen von 10 bis 30 Prozent im operativen Aufwand und bis zu 40 Prozent weniger Pflegeaufwand in der IT selbst. Wichtiger noch: Sie gewinnen die Handlungsfähigkeit zurück, die für Wachstum entscheidend ist.

IT-Prozessfragmentierung zu lösen, ist eine strategische Aufgabe. Und es ist einer der wirkungsvollsten Hebel, die Geschäftsführungen mittelständischer Unternehmen heute in der Hand haben.

   

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Über die Autorin

Mariken Müller

Mariken Müller

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Mariken identifiziert und betreut gezielt Unternehmen, die vor digitalen Herausforderungen stehen und diese lösen wollen. Sie engagiert sich dafür, innovative Ideen zu identifizieren und gemeinsam mit Partnern in marktfähige digitale Lösungen zu überführen, um so Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Ihr Antrieb ist es, Wachstum aktiv zu gestalten und dabei Menschen und Prozesse gleichermaßen weiterzuentwickeln.

Fragen zur Fragmentierung von IT-Prozessen

IT-Prozessfragmentierung bezeichnet den Zustand, in dem Geschäftsprozesse innerhalb eines Unternehmens nicht einheitlich oder integriert ablaufen, sondern in zahlreiche, isolierte Teilprozesse und funktionale Fragmente zerfallen. Dieses ist häufig die Folge einer heterogenen IT-Landschaft, in der verschiedene Anwendungen, Datensilos und IT-Systeme nicht effizient miteinander kommunizieren. Das verringert die Gesamteffizienz.

Vielen ist der Begriff IT-Fragmentierung geläufig. Dieser bezeichnet in der Informationstechnik allerdings etwas anderes, nämlich die Zerstückelung von Speicherplatz oder Daten in nicht zusammenhängende Fragmente, was zu Leistungseinbußen beim Datenzugriff führt.

Mit der Größe des Unternehmen wachsen auch die Systeme, Schnittstellen und Workarounds. Wer feststellt, dass es strukturelle Brüche und Wachstumshemmnisse gibt, sollte sich zunächst einen klaren Überblick über die gesamte IT-Landschaft verschaffen. Ein hilfreiches Vorgehen bietet die IT-Landkarte. 

Die IT-Landkarte ist eine strukturierte Bestandsaufnahme der IT-Systemlandschaft aus der Perspektive des Geschäfts, nicht der IT-Abteilung. Das Ergebnis ist ein klares Bild darüber, wo Ihre IT Wachstum ermöglicht, wo sie es bremst und was zu tun ist.