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Was macht IT-Start-ups langsam? Foto Startup Stock Photos/Pixabay
Verfasst von Annekathrin Gut am 18. März 2021
…und wie können sie ihr Tempo halten

Was macht IT-Start-ups langsam?

Viele Inno­va­ti­o­nen in der Soft­wa­re­ent­wick­lung werden von ideen­rei­chen Start-ups voran­ge­trie­ben. Die Neugrün­dun­gen gelten als schnell und flexi­bel. Warum aber schei­tern dann so viele von diesen Durch­star­tern? Es gibt unter­schied­li­che Phasen im Lebens­zy­klus eines Start-ups, die es erst schnell und dann lang­sam machen. Wie können sie wieder Tempo aufneh­men? Unsere Kolle­gen haben ein paar Ideen.

Joint Innovation wagen
Heiko Müller
Heiko Müller

„Es gibt den Zeit­punkt, an dem IT-Star­t­ups durch­fi­nan­ziert sind und in die Wachs­tums­phase gehen. In kurzer Zeit müssen sie eine funk­tio­nie­rende Entwick­lungs­mann­schaft zusam­men­stel­len. Da gute IT-Expert:innen so rar sind, rekru­tie­ren sie Perso­nal in aller Welt. Das macht lang­sam, weil die Grün­der sich mit Recrui­ting- und Staf­fing-Prozes­sen ausein­an­der­set­zen müssen. Sie können sich nicht auf ihre Kern­auf­gabe konzen­trie­ren, darauf, ihre außer­ge­wöhn­li­che Lösung weiter­zu­ent­wi­ckeln, Inves­to­ren zu bedie­nen und sich mit Kunden zu beschäf­ti­gen. Das reibt viele Grün­der auf.

Eine Idee wäre, dass sich IT-Star­t­ups der Open Inno­va­tion öffnen und anfan­gen, parti­zi­pa­tiv zu entwi­ckeln. Solches Joint Deve­lop­ment ist in der Indus­trie ganz üblich. Große Auto­mo­bil­mar­ken wie Daim­ler, BMW und VW koope­rie­ren häufig mit Dienst­leis­tern. Deren Geschäfts­mo­dell ist nicht, neue Produkte an den Markt zu brin­gen. Sie sind viel­mehr Exper­ten im IT-Engi­nee­ring. Diese koope­ra­tive Zusam­me­n­a­r­beit könnte die Time-to-Market von IT-Start-ups deut­lich beschleu­ni­gen und die Quali­tät der Entwick­lung erhö­hen. Natür­lich braucht das Star­tup dafür einen IT-Dienst­leis­ter, der eine agile DNA mitbringt.“

Heiko Müller, Logis­tik-Bera­tung

Entrepreneurship leben
Markus Tholema, Beratung Digitalisierung und Dienstleistungen
Markus Tholema

„Grund­sätz­lich sind IT-Start-ups natür­lich erst­mal deut­lich schnel­ler als wir. Was Start-ups ausmacht, ist das Entre­pre­neur­ship. Da ist Jemand, der bringt seine Idee nach vorne. Dieser Jemand hat spezi­el­les Wissen in einem Themen­be­reich, sprüht vor Ideen und will oft alles gleich­zei­tig durch die Tür krie­gen. Ich habe selbst Bekannte, die unglaub­lich für ihre Idee bren­nen.

Am Anfang funk­tio­niert das gut. Die ersten Themen sind schnell umge­setzt, aber dann fehlt es irgend­wann an Struk­tur, an der rich­ti­gen Prio­ri­sie­rung, an der Verpro­bung am Markt. Die Produkt­ent­wick­lung kann dem wach­sen­den Ideen­pool nicht mehr gerecht werden. Im schlimms­ten Fall ist das Produkt dann halb fertig – aber für den Rest ist kein Budget mehr da.

Manche dieser halb­fer­ti­gen Produkte sind inter­es­sant für die großen Firmen. Die über­neh­men die Start-Ups und machen deren geni­a­len Ideen markt­reif. Für viele Entre­pre­neure war das in der Vergan­gen­heit gar nicht die schlech­teste Lösung. Sie haben wieder Raum, sich ande­ren Ideen zu widmen.“

Markus Tholema, Digi­ta­li­sie­rungs­be­ra­tung

Von erfahrenen Partnern profitieren
Ulf Mewe
Ulf Mewe

„Was ist wich­tig für Star­t­ups? Das ist doch vor allem die Time-to-market. In der ersten Phase wollen Start-ups ihre Idee schnell als Produkt umset­zen, um zu sehen, ob jemand dafür Geld ausgibt. Da ist es gut, wenn Struk­tu­ren infor­mell sind, das Produkt noch flexi­bel ist und man im Markt Erfah­run­gen sammeln kann. Zu diesem Zeit­punkt muss Quali­tät vor allem nach außen gege­ben sein, aber noch nicht so sehr nach innen. Solange ich noch nicht weiß, ob jemand das Produkt braucht, nutzt es nichts, in Schön­heit zu ster­ben. Ich muss es „quick and dirty“ umset­zen und auspro­bie­ren.

In der zwei­ten Phase geht es darum, das Produkt groß zu ziehen. Kritisch wird es dann, wenn ich nicht so schnell sein kann, wie ich möchte. Etwa weil ich als Start-up zu lange brau­che, um eine Entwick­lungs­mann­schaft aufzu­bauen, oder wenn ich Fehler mache, wie sie etablierte Unter­neh­men schon längst hinter sich haben. Dann werden oft tech­ni­sche Schul­den aufge­baut. Und wie wirst du die wieder los?

In dieser Phase ist eine andere Exper­tise gefragt, bei der Start-ups von erfah­re­nen Part­nern profi­tie­ren können. Zum Beispiel könn­ten sie Arbeit­s­pa­kete für unkri­ti­sche Aufga­ben heraus­ge­ben, die sie nur belas­ten. Je nach Produkt können das zum Beispiel eine Rech­nungs­er­stel­lung, die Bestands­ver­wal­tung oder die Versand­be­stä­ti­gung sein. Da gibt kein Start-up wich­ti­ges Know-how raus. Für Airbnb ist die Buchungs­be­stä­ti­gung nicht das Allei­stel­lungs­merk­mal. Aber genau um dieses soll­ten sich die Entwick­lungs­ex­per­ten im Start-up über­wie­gend kümmern.“

Ulf Mewe, Anfor­de­rungs­ma­na­ge­ment

Gute Prozesse managen
Tim Soller, Anforderungsmanagement / Koordination KI-Team
Tim Soller

„Ob IT-Start-ups tatsäch­lich immer so schnell sind? Mögli­cher­weise kommt das Image daher, dass die Grün­der so viel arbei­ten. Der Drive ist enorm hoch. Da liegt der Fokus weni­ger auf Quali­tät im Sinne einer deut­schen DIN-Norm, sondern darin, schnell ein Produkt zu entwi­ckeln, auf den Markt zu brin­gen und Geld zu verdie­nen. Start-ups können viel leich­ter auf Markt­ver­än­de­run­gen einge­hen. Das ist ein Riesen­vor­teil.

Schnell macht sie auch, dass es keine Prozess­struk­tur gibt, keine Hier­a­r­chien und alles sehr infor­mell ist. Die sitzen teils mit fünf Leuten an einem Tisch. Das spart sehr viel Zeit. Würde man einen Prozess­rah­men wie Scrum etablie­ren, dann bräuchte man erst­mal deut­lich länger.

Start-ups wollen ihr Ding nach vorne brin­gen und nicht drei neue Jobs lernen. Damit meine ich die nicht expli­zit entwick­lungs­be­zo­ge­nen Prozesse: Es wird anfangs nicht viel Mühe darauf verwen­det, eine gute Archi­tek­tur, ein Anfor­de­rungs­ma­na­ge­ment, das Design oder Test­stra­te­gien aufzu­bauen. Die begrenz­ten Ressour­cen sind dabei ein Nach­teil. Als Grün­der hast du ein komple­xes Job-Design und musst vieles machen, was du gar nicht rich­tig kannst. Neun­zig Prozent der Start-ups schei­tern. Das größte Risiko ist nach meiner Einschät­zung die fehlende Erfah­rung, beson­ders in der Soft­wa­re­ent­wick­lung, in der Prozess­kom­pe­tenz und in der Markt­kennt­nis.

Wir brau­chen die Start-ups! Ein Groß­teil der Inno­va­ti­o­nen am Markt kommt von Start-ups. Aber auf lange Sicht krie­gen sie das häufig nicht gut hin. Jeder, der als Start-up erfolg­reich sein will, sollte auch Wert auf die Quali­tät der Prozesse legen.“

Tim Soller, Anfor­de­rungs­ma­na­ge­ment und Koor­di­na­tion KI-Team